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Japan 2019: Tag 18 – Reisen in der Golden Week

Sonntagmorgen, der Wecker klingelte und uns war sofort bewusst: Der Tag war gekommen. Die letzte richtige Weiterreise in unserem Japan-Urlaub stand bevor und es war die erste Shinkansen-Fahrt in der Golden Week. Eine Reservierung war ja bereits fast eine Woche zuvor nicht mehr möglich, daher stellten wir uns mental schon auf die klassischen Deutsche Bahn Qualität ein. Erstmal ging es aber zum Frühstück, welches uns in dem Hotel ja bereits einmal enttäuscht hatte und nun auch zur Deutschen Bahn unter den Frühstücken geworden war: man erwartet nichts und wird trotzdem nochmal enttäuscht. An der Qualität des Essens hatte sich nichts verändert, allerdings war es diesmal brechend voll und wir mussten unser „Mahl“ im Stehen zu uns nehmen. Drei Mini-Croissants und ein Mini-Brötchen waren aber schnell verschlungen, sodass wir dann auch schnell wieder weg waren und aufbrechen konnten. Am Bahnhof Hiroshima angekommen wirkte es dann zunächst so wie immer. Allerdings gab es schon erste kleinere Schlangen am Gleis und wir reihten uns brav eine halbe Stunde vor Abfahrt ein. Die Schlangen um uns herum wurden dann immer länger, erste Leute versuchten zu drängeln und wurden umgehend zurecht gewiesen und als der Zug kam, drängte alles hinein, was zwei Beine und Gepäck dabei hatte. Die darauffolgenden Aktionen verliefen sehr schnell, aber plötzlich war mein Monster-Koffer zwischen Sitzlehnen verstaut und sowohl Sandra als auch ich hatten einen Sitzplatz, während diverse Leute sich in den Gängen stapelten. Für uns waren die folgenden 1,5 Stunden Fahrt somit ziemlich entspannt, während andere sich wohl wünschten, nicht in diesem Zug zu sein.

Dieses Gefühl holte uns dann erst ein, als wir in Shin-Osaka umsteigen mussten, um mit einer anderen Bahn zum Bahnhof Osaka zu fahren. Denn in beiden Bahnhöfen war so viel los, dass man gefühlt vor einer Massenpanik stand. Überall kleine Japaner mit kleinem Gepäck und noch kleineren Kindern, die kreuz und quer überall rumliefen. Wir mussten zu jeder Zeit aufpassen, niemanden versehentlich umzulaufen und ihn damit wohl wie Gumba bei Super Mario zu zerquetschen. In dieser sagenumwobenen Golden Week muss wirklich ganz Japan irgendwie auf den Beinen sein. Irgendwie schafften wir es trotzdem bis zu unserem Hotel in Osaka, welches von außen richtig unansehnlich in verschiedenen Brauntönen gehalten ist, und luden dort unser Gepäck ab, um anschließend direkt wieder aufzubrechen – der Tag war schließlich noch jung. So ging es zurück zum Bahnhof und mit einem Regionalzug ab nach Himeji. Dort saßen wir relativ problemlos und es war auch nicht so voll, sodass ein Nickerchen selbstverständlich möglich war. „Nur“ eine Stunde später ging es wieder raus und schon vom Bahnhof aus sahen wir unser Ziel: die Burg von Himeji.

Die prachtvolle, weiße Burg gilt als schönste Burg in ganz Japan und steht als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco. Leider war auch hier die Golden Week deutlich zu spüren. Rund um die Anlage war es schon voll, aber als wir dann am Fuße der Burg am Ticket-Gate standen, wurde uns erst klar, wie voll es wirklich war. Es leuchtete ein Hinweis auf, dass die aktuelle Wartezeit für das Betreten der Burg 2 Stunden beträgt. Wir konnten das kaum glauben, fragten bei einer Mitarbeiterin nach und die bestätigte die Wartezeit. Allerdings könne man unabhängig von der Schlange die Anlage rund um die Burg besuchen und genau das taten wir dann auch.

Die Burg an sich war schon beeindruckend und wirklich schön anzusehen. Aber leider waren die Anlagen, die wir uns ohne Wartezeit anschauen konnten, nicht sonderlich groß und so verließen wir Himeji auch relativ schnell wieder.

Auf dem Rückweg erinnerte sich der Tag dann daran, wie schlecht er doch mit dem Frühstück begonnen hatte und dachte sich, es wäre ne gute Idee, die Tendenz doch nun noch einmal aufzugreifen. So fing kurz nach der Abfahrt im vollen Zug ein kleines Kind so dermaßen an zu brüllen und kreischen, dass man denken konnte, ihm wird bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Der Spaß ging dann etwa eine halbe Stunde so, bis die Familie ausstieg und das Baby einfach den Bahnsteig weiterhin zusammen schrie. Wieder in Osaka angekommen stellten wir dann fest: der Bahnhof war noch exakt genau so voll und chaotisch wie drei Stunden zuvor. Könnte es etwa sein, dass die Japaner mit 10 freien Tagen am Stück so überfordert sind, dass sie einfach immer weiter mit dem Zug hin und her fahren oder gar nur ziellos in Bahnhöfen umherirren wie Zombies auf der Suche nach Gehirnen? Eine Verifizierung dieser Thesen gelang uns bisher nicht, aber wir werden diese Ideen weiter verfolgen.

Wieder im Hotel angelangt legten wir das Abhol-Märkchen für unser Gepäck vor und teilten mit, dass wir gern einchecken würden. Die freundliche Dame an der Rezeption lief sofort los, holte unser Gepäck, wuselte dann kurz hinter dem Tresen rum, markiert zwei Zeilen auf einem Blatt Papier und schob dieses dann zusammen mit der Zimmerkarte zu uns rüber. Während dieses gesamten Prozess sprach sie kein einziges Wort – kann man ja mal machen. Unser Zimmer fanden wir trotzdem und suchten dann auch direkt ein Restaurant für das Abendessen. Ein indisches Restaurant in der Nähe sprach uns an und so marschierten wir hungrig los. Nach 10 Minuten kamen wir an und standen vor verschlossener Tür – klasse Sache. Wir schlurften also weiter und suchten im Umkreis unseres Hotels nach Nahrung. Es gab zwar einige Restaurants, aber entweder waren diese teuer, wirkten einladend wie Rasthofstoilettenoder hatten keinerlei englische Hinweise auf ihren Karten. So erreichten wir dann gezwungenermaßen den nahrungsmäßigen Bodensatz des Urlaubs: wir landeten bei McDonalds. Auch da gelang die Verständigung nur mit Händen und Füßen, wobei das auch nur einer Mitarbeiterin zu verdanken war, die zumindest versuchte, mit uns zu kommunizieren. Wenn ich den anderen den Namen eines Burgers von der Tafel vorlas, guckten sie mich mit großen leeren Augen an, als käme ich von einem anderen Stern. Da für Sandra, außer Pommes, natürlich dort nichts im Angebot war, ging es danach noch zu 7Eleven, damit auch sie das traurigste Essen des Urlaubs zu sich nehmen konnte: einen Salat und ein Hotdogbrötchen mit Mais, Zwiebeln und Mayonnaise.

Auf dem Weg zurück ins Zimmer dann das nächste Kommunikations-Highlight des Urlaubs. Wir versuchten an der Rezeption nach einer zweiten Bettdecke zu fragen, weil teilen nicht so unser Ding ist. Der Herr schaute uns kritisch an, wiederholte „Blanket“, man sah es in seinem Kopf rattern und irgendwann schien es Klick zu machen, er schickte uns in unser Zimmer und wenige Minuten später klopfte es an der Tür. Der Herr stand mit einer Wolldecke bewaffnet vor uns, überreichte stolz das gute Stück und kam anschließend in unser Zimmer, um die Klimaanlage auf heizen auf 25 Grad zu stellen – wohl gemerkt, obwohl wir das Fenster geöffnet hatten. Für ihn war also klar: die wollen eine Decke, weil den verrückten Weißbroten kalt ist. Jegliche Klärungsversuche sparten wir uns direkt, bedankten uns und schalteten umgehend die Klimaanlage wieder aus. Was lernen wir also, mal wieder, daraus? Englisch in Japan ist immer wieder für eine Überraschung gut. In diesem Fall ist die Überraschung, dass ich nun drei Nächte mit einer braunen Wolldecke schlafen darf, deren Farbe der hellbraunen Fassade des Hotels verblüffend ähnelt (ist sie womöglich eine Art Maskottchen des Hotels?) und die sich anfühlt, als wäre sie über Jahrzehnte der Teppich in einem Bürogebäude gewesen (hat man sie vielleicht beim Bau des Hotels im Keller gefunden und ihr aus Mitleid ein neues Zuhause gegeben?). Es bleibt nur zu hoffen, dass sie zumindest deutlich sauberer ist, als sie sich anfühlt.

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