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Japan 2019: Tag 15 – Hiroshima

Nach einer letzten verregneten aber erholsamen Nacht in Kyoto krochen wir am Donnerstagmorgen aus dem Bett, genossen noch einmal die große Frühstücksauswahl und packten dann, mal wieder, den letzten Kram zusammen. Aus irgendeinem Grund hatte mein Koffer in der Zwischenzeit nochmal zugenommen und seine Kapazitätsgrenze mittlerweile wirklich erreicht. Mit etwas Drücken und Schieben ging das Monstrum aber doch noch zu und wir konnten uns in Ruhe mit unserem gesammelten Gepäck auf den Weg zum Bahnhof machen. Dort suchten wir umgehend unser Abfahrtsgleis und machten es uns im etwas muffigen Warteraum bequem, da wir noch etwa 45 Minuten auf unseren Shinkansen warten mussten. Pünktlich wie die Maurer kam dann unser Zug, brachte uns komfortabel wie immer nach Kobe, wo wir dann nach kurzer Wartezeit in den nächsten Shinkansen stiegen, der uns nach Hiroshima bringen sollte. Dieser war scheinbar eine Art Retro-Shinkansen, denn alles wirkte in die Jahre gekommen. Trotzdem kamen wir komfortabel und auf die Minute pünktlich an unserem Ziel an und so standen wir nach insgesamt nicht einmal zwei Stunden plötzlich in Hiroshima. Dort schien überraschenderweise die Sonne und es war schwül-warm, wie man es sonst vom Sommer im Rheinland gewöhnt ist. Schwitzend suchten wir mit unserem Gepäck den Weg zur Straßenbahn, wurden fündig und düsten so zielgerichtet zu unserem Hotel. Dieses hatten wir, weil das bei uns im Urlaub irgendwie dazu gehört, am Vorabend noch neu gebucht, weil uns plötzlich unser ursprüngliches Hotel nicht mehr gefiel. Kann man so machen, muss man aber nicht. Aber wie hätten wir zu einem erst vor einem Monat eröffneten Hotel denn nein sagen sollen? Wir kamen jedenfalls an, luden unser Gepäck ab und erkundeten erstmal die unmittelbare Umgebung. In dieser befand sich gleichzeitig das touristische Zentrum der Stadt: der Friedenspark.

Dieser erstreckt sich vom A-Bomb Dome, den Überresten des früheren Gebäudes der Industrie- und Handelskammer, bis zum Friedensmuseum, welches wir nach einer kurzen mittäglichen Rast im Park dann auch direkt besuchten. Als ich mich im Vorfeld unserer Fahrt nach Hiroshima mit der Geschichte rund um den Atombombenangriff beschäftigt hatte, entwickelte ich recht hohe Erwartungen an das Museum. Leider konnten die, trotz einer ziemlich anschaulichen Darstellung von Bildern und Exponaten, nicht wirklich erfüllt werden.

Zum einen war das Museum insgesamt zu voll und inbesondere Familien mit Kindern und desinteressiert wirkende Touristen sorgten für Staus in der gesamten Ausstellung (wieso auch immer man mit Kindern in so ein Museum geht). Zum anderen war die Versorgung mit Informationen für mich aber deutlich zu dünn. Einzelne Geschichten von Opfern wurden relativ detailliert geschildert, sodass man als Besucher ein intensives Bild des damals entstandenen Leids vermitteln bekam. Die Hintergründe, wie es zum Einsatz der Bombe kam, wie Hiroshima als Ziel ausgewählt wurde und wie die politische Situation im Japan der damaligen Zeit war, wurden nur extrem kurz angerissen oder gar nicht behandelt. Hier konnte mir ein Wikipedia-Artikel mehr Wissen vermitteln als das Museum, was ich sehr schade fand.

Nach dieser schweren Kost gingen wir erst einmal zum Hotel zurück, bezogen unser kleines aber feines Zimmer (immerhin 16qm, kann man sich mal gönnen) und setzten uns damit auseinander, wie wir den Rest des Nachmittags noch gestalten wollen. Sandra suchte, wie gewohnt, ein Lokal für das Abendessen während ich mir anschaute, was es noch so zu sehen gibt. Als ich dann aus dem Fenster sah und blauen Himmel erblickte, nutzten wir die Gunst der Stunde und machten uns direkt nochmal auf den Weg – jeder weiß, dass Fotos bei schönem Wetter viel besser aussehen. Und was soll ich sagen? Das taten sie auch in diesem Fall.

Wir spazierten noch einmal quer durch den Friedenspark, überquerten die Nachfolge-Brücke derjenigen T-förmigen Brücke, die 1945 als visuelles Ziel für den Atombombenabwurf diente und gingen am A-Bomb-Dome vorbei zurück in die Innenstadt. Dort schlenderten wir dann am späten Nachmittag noch durch eine Einkaufsstraße mit erstaunlich coolen Läden, orientierten uns von der Richtung her allerdings schon an unserem Ziel-Lokal. Auf dem Weg dorthin kamen wir an zwei Geschäften vorbei, die Sandras Interesse anzogen. Zunächst war da ein Laden mit Rucksäcken – Sandra sah für sich die Notwendigkeit eines neuen Rucksacks. Sie fand auch einen, der ihr gefiel, aber hielt sich mit der Kaufentscheidung noch vornehm zurück. So zogen wir weiter und kamen an einem Laden vorbei, der ihr Interesse noch deutlich mehr weckte. Was es dort gab? Richtig, Hundewelpen. Die putzigen Tierchen tollten in ihren kleinen Gehegen umher und Sandra war wie hypnotisiert. Mit Müh und Not konnte ich sie aber doch noch rechtzeitig vom Schaufenster wegziehen, bevor sie einen der Welpen einfach in ihre Tasche packen konnte. So kamen wir doch noch irgendwann am geplanten Restaurant an. Dort aßen wir, was für eine außergewöhnliche Fügung, tatsächlich irgendwie japanisch. Es gab Udon-Nudeln für uns beide. Sandras Variation war definitiv japanisch, meiner eher geht so, schließlich hatte ich Udon-Carbonara. Der Herausforderung, diese mit Stäbchen zu essen, mussten wir uns aber gleichermaßen stellen. Ich versuche es mal vorsichtig auszudrücken: in Deutschland hätte man uns für unsere Essweise sicherlich des Lokals verwiesen. Wir schlürften, kämpften mit verkrampften Fingern gegen die schier endlosen Nudeln und sauten uns und den Tisch immer wieder mit Soße voll, als führten wir eine heimliche Essensschlacht. Da die Geschäftsmänner am Nebentisch uns aber keines Blickes würdigten, schien unser Verhalten wohl angemessen. Wenn man bedenkt, dass einer der Herren an einer Mundfäule litt, die mich immer wieder fast zum Würgen brachte und es so roch, als hätte er sich vor dem Restaurant-Besuch noch schnell eine abgelaufene Dose Katzenfutter reingepfiffen, dann hätten die Herren sowieso nichts sagen dürfen. Das Essen war wirklich reichlich und lecker – mal abgesehen vom kostenlosen Nachtisch. Da gab es nämlich gewürzten Glibber in Würfelform mit merkwürdig schmeckendem Tee. Höflich wie wir sind, aßen und tranken wir es trotzdem und machten uns dann, mit einem kleinen Umweg, auf den Heimweg.

Was das für ein Umweg war? Sandra wollte die Welpen nochmal sehen (und am liebsten mitnehmen) und auch noch einen Blick auf die Rucksäcke werfen (Zitat: „Ich kaufe heute auf keinen Fall etwas.“). Auch diesmal gelang es mir nur händeringend, sie von den süßen Tieren zu lösen. Ihren Kaufimpuls in Sachen Rucksäcke hingegen ließ ich einfach geschehen und so gingen wir am Ende des Tages mit einem neuen Rucksack zurück zum Hotel. Natürlich war dieser Rucksack auch so kurzfristig notwendig, denn für den nächsten Tag war ein Tagesausflug (mit Übernachtung) auf eine heilige Insel vor der Küste Hiroshimas geplant. Da wir diesen ohne unsere mammutartigen Koffer durchführen wollten, war so ein neuer Rucksack also definitiv ein praktisches Must-have. In Sachen Konsum bin ich zwar definitiv noch auf einem ganz anderen Level, quasi in der Champions League, aber wenn es ums Begründen von Käufen geht, ist sie auch schon ziemlich fortgeschritten.

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