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Kommentar: Mach et joot, Pitter – Wie der FC sein Gesicht verlor

Sonntag, 03.12.2017: Es ist der erste Advent, offizieller Beginn der besinnlichsten Zeit des Jahres und Zuhause wird die erste Kerze am Adventskranz angezündet. Am Abend zuvor hat der 1. FC Köln, seines Zeichens abgeschlagener Tabellenletzter, auf Schalke, immerhin seit etlichen Spielen unbesiegt und Teil der Spitzengruppe der Bundesliga, nach zweimaligem Rückstand noch einen Punkt geholt und sich ein 2:2 erkämpft – ein schmaler Silberstreif am Horizont. Und was macht man in der Domstadt? Man setzt kurzerhand den Trainer vor die Tür.

Der Effzeh spielt nach der sensationellen und mehr als ausgiebig gefeierten Rückkehr auf das internationale Parkett eine historisch schlechte Hinrunde. Es vergeht kaum ein Tag, an dem keine neue Hiobsbotschaft vom Geißbockheim kommt. Die Verletztenmisere nimmt fast schon biblische Ausmaße an, sodass plötzlich sogar Minderjährige zum Füllen des Kaders herangezogen werden müssen. Woche um Woche stehen trotzdem elf Spieler auf dem Rasen und versuchen, mehr oder weniger geschickt, den ersten Saisonsieg in der Bundesliga einzufahren – bisher erfolglos. Nach neun Spieltagen ohne Sieg schmeißt Manager Jörg Schmadtke bockig hin wie ein Kind, dass statt Torte doch lieber Eis gehabt hätte und verlässt den Verein, garniert mit einer Abfindung in einer Höhe, die ein normaler Arbeitnehmer in seinem Leben nicht erarbeiten kann. Aber Peter Stöger genießt weiterhin hohes Ansehen auf allen Ebenen und nicht wenige rechneten es dem FC hoch an, „spürbar anders“ zu agieren und mit dem Erfolgstrainer der letzten Jahre auch diese Krise durchstehen zu wollen.

Der Erfolg in der Liga blieb weiterhin aus, allerdings zeigte das Team zumindest im DFB Pokal und in der Europa League, dass es das Siegen doch noch nicht gänzlich verlernt hatte. Aber auch nach zwei Punkten in 13 Ligaspielen gab es so gut wie keine Anfeindungen in Richtung Mannschaft oder Trainer – vor allem für Köln ein bemerkenswerter Zustand.

Doch im Verein selbst hatte sich scheinbar etwas verändert. Schon der Auftritt von Vizepräsident Toni Schumacher im „Doppelpass“ wirkte seltsam gekränkt, unprofessionell und wirr. Dass er dabei laufende Gespräche mit Horst Heldt brühwarm kommentierte, als würde er mit Freunden im privaten Schwatzen, überraschte und verwunderte nicht nur mich. Auch auf einmal sehr dünnhäutige Statements nach der Niederlage gegen Berlin in Richtung Peter Stöger zeugten davon, dass nun wohl doch einiges an Geschirr zu Bruch gegangen war. Man sprach plötzlich von Endspiel gegen Schalke und man wurde das Gefühl nicht los, dass man nicht mehr so richtig miteinander, sondern doch lieber übereinander sprach.

Und genau in dieser schwierigen Situation tat Peter Stöger das, wofür man ihn mehr als 4 Jahre lang gefeiert und bewundert hat: Er stellte sich vor die Mannschaft ins Rampenlicht und zeigte als einziger im Club klare Kante. Er monierte verloren gegangene Werte, wohl gemerkt bei Personen und nicht im Verein selbst, und forderte für sich und seine Jungs Klarheit in der Trainerfrage, egal wie diese aussehen würde. Das fanden die Bosse wohl alles andere als gut und so bekam er die Klarheit, die er wollte.

Bereits vor dem Schalke Spiel am Samstagabend war die Trennung beschlossene Sache. Die Szenen, die sich nach dem Spiel auf dem Grün abspielten, ließen es schon vermuten, bevor der Kölner Express noch am selben Abend die Meldung verbreitete, dass das Kapitel Stöger beendet wäre. Die offizielle Bestätigung folgte dann am nächsten Mittag in einer Pressekonferenz, die an Unprofessionalität und Phrasendräscherei schwer zu toppen sein dürfte. Dort erzählten Präsident Spinner und Geschäftsführer Wehrle von einer einvernehmlichen Trennung, plauderten erneut Interna zum Thema Horst Heldt aus, kommentierten Gerüchte zu einem Treffen mit Dietmar Beiersdorfer mehr als salopp und rüffelten umgehend Interimscoach Stefan Ruthenbeck für seine fehlende Diskretion, bevor dieser seinen Dienst überhaupt angetreten hatte. Der allgemeine Tenor: Willkommen zurück im Karnevalsverein.

Natürlich ist es nicht verwerflich, sich von einem Trainer zu trennen, der seine Mannschaft nach 14 Spieltagen zu lediglich drei Punkten und mickrigen sechs Toren geführt hat. Aber weder Zeitpunkt noch Art und Weise der Trennung sind der Person und den Erfolgen von Peter Stöger angemessen.

Der Wiener hat in seiner Amtszeit einen am Boden liegenden und von Jahren des Chaos zermürbten Verein in der 2. Liga übernommen und jeden Tag ein bisschen besser gemacht. Auf den Aufstieg folgten drei Jahre Bundesliga, in denen der FC keinen einzigen Spieltag auf einem Abstiegsrang verbrachte und sich gleichzeitig stetig verbesserte. Höhepunkt dieses Weges war zweifellos die Rückkehr auf das internationale Parkett nach Platz 5 in der vergangenen Saison. Ich selbst konnte es kaum fassen und habe auf dem Rasen des Müngersdorfer Stadions gefeiert – für die Kölner ging ein Traum in Erfüllung. Dabei war über all die Zeit Peter Stöger das Gesicht eines auf einmal ruhigen, sympathischen Vereins. Er selbst verkörperte die neuen Werte wie kein anderer und würzte das Ganze stets mit einer Prise Gelassenheit, Humor und seinem unnachahmlichen Wiener Schmäh. Der Mann war nicht nur Trainer in Köln, er wurde zu einem echten Kölner. Das zeigt sich auch am unvergleichlichen Rückhalt, den Peter Stöger immer noch bei den Fans und den Spielern genießt. Selbst ehemalige Schützlinge und Spieler, die sich nach ihrem Wechsel an den Rhein mehr ausgerechnet hatten, verabschiedeten sich emotional und mit persönlichen Botschaften in den sozialen Medien von Stöger.

Man hätte durchaus das sogenannte Freiburger Modell wählen können und dem Trainer eine Jobgarantie auch im Abstiegsfall erteilen können – auch das wäre die Klarheit gewesen, die er sich gewünscht hat. Stattdessen hat man sich auf die Vergangenheit besonnen und den Weg des Chaos gewählt. Die Auftritte der Führungsriege und die Tatsache, dass der Express plötzlich wieder über Interna Bescheid wusste, bevor alle Beteiligten dies taten, erinnern mich an Zeiten, von denen ich hoffte, sie hinter mir zu haben. Es waren Zeiten, in denen Christoph Daum wie ein Messias empfangen wurde und Trainer sich schneller die Klinke in die Hand gaben, als Lothar Matthäus seine Partnerinnen wechselt. Damals raste der Verein von einer Krise zur nächsten und ließ abseits des Platzes auch keine Möglichkeit aus, mit Skandalen wieder in die Presse zu kommen. Man erinnere sich nur an die legendäre Karnevals-Aktion, als Miso Brecko mit 1,7 Promille im Blut der Meinung war, er könnte mit seinem Auto die Straßenbahn auf den Gleisen verfolgen. Oder die kreativen Vertragsgestaltungen eines Michael Meier, der den FC tief ins Schuldenloch manövrierte, aber dafür sorgte, dass man selbst beim fünften Weiterverkauf eines zweitklassigen Spielers noch mit verdiente. Im Rückblick mag das jetzt durchaus amüsant klingen, aber als Fan war man froh, als der Club endlich in ruhigere Fahrwasser geschippert wurde. Die Gesichter dieser Ruhe, Jörg Schmadtke und Peter Stöger, sind nun von Bord gegangen (worden).

Es bleibt abzuwarten, wie es am Geißbockheim weitergeht. Mit Armin Veh wurde unlängst ein neuer Manager aus dem Hut gezaubert, den in dieser Position wohl niemand auf dem Zettel hatte. Als Trainer hat er den VfB Stuttgart 2007 zur Meisterschaft geführt. Experten fragen sich bis heute, wie das geschehen konnte – Wunder kann er also. Ob der als den Freuden des Lebens zugeneigt geltende Augsburger der Richtige ist, um die Risse im Verein und den aktuellen Bruch zwischen Basis und Führung zu kitten, wird sich zeigen. Ebenso wird man sehen, ob Interimscoach Stefan Ruthenbeck mit der gebeutelten Rumpftruppe in seinen fünf Spielen binnen zwölf Tagen bis zu Winterpause mehr Erfolg hat als das bisherige Trainergespann.

Peter Stöger jedenfalls wird seinen ehemaligen Schützlingen bis zum letzten Abpfiff der Saison und auch darüber hinaus die Daumen drücken und alles Gute wünschen. Denn der Mann war mehr als ein Trainer für den 1.FC Köln. Er wurde zum Aushängeschild und wird auch abseits des Platzes in Köln noch lange in Erinnerung bleiben. Allein die Tatsache, dass er am Mittwoch extra nochmal in die Geschäftsstelle kam um sich von allen Mitarbeitern persönlich zu verabschieden zeigt, was er für ein klasse Typ ist. Schade, dass man das in der Führungsetage des 1.FC Köln nicht ausreichend verstand und mit Respekt und Vernunft honorieren wollte.

Als Fan des 1.FC Köln bleibt mir nichts anderes übrig, als mich bei Peter Stöger für die tolle Zeit zu bedanken. Er hat es geschafft, den Europapokal Traum von mir und vielen anderen Fans in Erfüllung gehen zu lassen und das werde ich ihm nie vergessen. Ich bin mir sicher, der Mann wird seinen Weg gehen und weiter erfolgreich sein. Ich hoffe, gleiches gilt auch für den FC, aber wie hat er so schön gesagt: „Wenn man in Köln nicht permanent von etwas träumen würde, wäre die Stadt nicht so cool, wie sie ist!“ In diesem Sinne: Mach et joot Pitter – wir werden dich vermissen.

 

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